Viele Lehrende in unserem Katalog beschreiben zwei verbundene Bewegungen: erkennen, was du bist, und dieses Erkennen in Gefühl, Körper und Alltag ankommen lassen.
Erkennen
Durchschauen, wofür man sich hält. Die Lehrenden beschreiben es als Bemerken dessen, was schon da ist, nicht als Gewinn von etwas Neuem.
Worauf die Lehrenden hinweisen, gilt als schon gegenwärtig; Erkennen heißt bemerken, nicht etwas hinzugewinnen.
“There is no reaching the Self. If the Self were to be reached, it would mean that the Self is not now and here”
Weitere Worte und wer das sagt
Lehrende des Advaita und der Gegenwart beschreiben das Erkennen als Durchschauen einer Identifikation mit Körper, Denken oder Rolle; danach wird bemerkt, was immer schon gewahr war. Sie sind sich einig, dass dabei nichts Neues erworben wird. Ob man es ein Erlebnis nennen kann, sehen sie unterschiedlich.
Selbst, Gewahrsein, Gott und Nicht-Selbst sind verschiedene Antworten; gemeinsam ist ihnen das Hinterfragen der Person, für die man sich hält.
“The Self is that which is aware of mind and personal self.”
Weitere Worte und wer das sagt
Advaita-Lehrende sprechen vom Selbst als Gewahrsein, Lehrende der Hingabe vom Göttlichen im Innern, buddhistische Lehrende im Katalog von keinem festen Selbst und vom Intersein. Der Dalai Lama grenzt die buddhistische Lehre ausdrücklich von einem dauerhaften Atman ab; deshalb zeigen wir diese Sichtweisen nebeneinander und verschmelzen sie nicht.
Es gibt mehrere Zugänge, und die meisten verlangen, mit dem Festhalten aufzuhören, statt etwas zu erwerben.
“It is not an effort that we have to make; it is the cessation of a previous effort, which we didn't realize that we were making.”
Weitere Worte und wer das sagt
Selbsterforschung, Hingabe, Liebe zu Gott, das Hören einer Lehre, das Verweilen beim „Ich bin“, das Lauschen auf den Körper, Ruhe und Einsicht und das Prüfen eines Gedankens werden alle als Zugänge beschrieben. Ramakrishna und Vivekananda sagen, Erkenntnis und Liebe träfen sich; Ramana nennt Erforschung und Hingabe als zwei Wege; Adyashanti nennt Lehren Strategien, die zu verschiedenen Menschen passen.
“There are innumerable opinions and innumerable paths leading to God.”
Lehrende sagen, Erkennen sei wichtig, weil es an die Wurzel des Suchens reicht und an das Leid, das aus einem getrennten „Ich“ kommt.
“All living beings desire to be happy always, without any misery.”
Weitere Worte und wer das sagt
Ramana beginnt beim Wunsch nach Glück, den alle teilen; Tolle, Spira und Lucille sprechen vom Ende einer Suche, von Frieden und von einem freundlicheren Verhältnis zur eigenen Person; Byron Katie und die Achtsamkeitsübungen von Plum Village sprechen davon, dass Leid sich löst, wenn geglaubte Gedanken und die Illusion eines getrennten Selbst durchschaut werden. Das sind die Gründe der Lehrenden; wir versprechen kein Ergebnis.
“enables you to have a compassionate attitude toward everything that makes up the 'surface I'”
Dieses Sehen in Gefühl, Körper, Gewohnheiten und Alltag ankommen lassen, in seinem eigenen Tempo. Keine zweite Stufe, sondern dieselbe Bewegung im gewöhnlichen Leben.
Auf einen Moment des Erkennens folgt meist ein langes Sich-Setzen, in einem Tempo, das von Mensch zu Mensch verschieden ist.
“a sudden penetration into the true nature of being, and then a gradual embodiment of this realization on the level of body, mind, and personality.”
Weitere Worte und wer das sagt
Ramana unterscheidet einen Geist, der zur Ruhe kommt und wieder aufsteht, von einem, der sich aufgelöst hat; das Vivekachudamani (Shankara zugeschrieben) spricht vom Eindruck, der Handelnde zu sein, der bleibt. Tolle, Lucille, Adyashanti, Spira und Ayya Khema beschreiben Gewohnheiten, die ihren Schwung behalten. Mehrere sagen, es gebe keine feste Reihenfolge und keine Formel; beschrieben ist also ein häufiges Muster, kein Stufenmodell.
Alten Mustern begegnet man mit Aufmerksamkeit und Freundlichkeit; wer sie bekämpft, nährt sie eher.
“We do not produce mindfulness to chase away or fight our anger but to take good care of it.”
Weitere Worte und wer das sagt
Annamalai Swami bemerkt, dass schon der Wunsch, eine Gewohnheit zu überwinden, eine Gewohnheit ist; Mooji sagt, gegen den Geist könne man nicht gewinnen; Thich Nhat Hanh beschreibt Achtsamkeit als Fürsorge für den Ärger; Ayya Khema warnt, dass das Wegleugnen von Neigungen uns spaltet. Hier findet unser Arbeitswort „Alchemie“ seinen Anker: Die Beziehung zum Erleben ändert sich, bevor sich das Erleben selbst ändert.
“Even our desire to transcend our vasanas is a vasana.”
Gefühle, der Körper und Beziehungen gehören zum Weg und lenken nicht von ihm ab.
“I think it's very, very important that we don't make FEELING or EMOTION into something WRONG.”
Weitere Worte und wer das sagt
Spira, Lucille und Doyle, aus der Linie Jean Kleins, beschreiben Getrenntheit, die als Spannung im Körper sitzt; Adyashanti warnt davor, Gefühle für falsch zu erklären; Ram Dass sieht Beziehungen als Stoff der Praxis. Spira fügt hinzu, dass die Erkundung des Körpers keine Pflicht für alle ist und abgebrochen werden sollte, wenn man sich damit sehr schlecht fühlt.
“an exploration of our feelings at the level of the body is necessary as well as an investigation of our beliefs at the level of the mind”
Im Alltag zeigt sich Erkennen, leise; kein Verhalten beweist oder widerlegt die Verwirklichung eines Menschen.
“In all human activities let there be a live contact with the Divine and you will not have to leave off anything.”
Weitere Worte und wer das sagt
Klassische Quellen sprechen von Demut, von fehlendem Hass, von sorgfältiger Arbeit und von Handeln ohne das Gefühl, der Handelnde zu sein; Lehrende des Hausstands sagen, gewöhnliche Pflichten seien ein vollwertiger Ort der Praxis; buddhistische Lehrende stellen Ethik vor, während und nach die Meditation. Aurobindo und die Mutter machen die Wandlung des Lebens zum Teil des Ziels, während für Ramana im natürlichen Zustand nichts mehr zu tun bleibt.
“To the extent we behave with humility, to that extent there will result good.”
Stille, Anstrengung, Hilfe und die Schwierigkeiten, die Lehrende auf dem Weg benennen.
Ein ruhiger Geist hilft vielen beim Sehen, aber die Lehrenden behandeln ihn weder als Ziel noch als Bedingung.
“So it is not that the mind is silent, but that you are silence itself.”
Weitere Worte und wer das sagt
Ayya Khema nennt die Ruhe das Mittel und die Einsicht das Ziel; Ramana fragt, wozu Versenkung ohne bleibenden Frieden gut sei; Mooji und Ganga Mira sagen, Erkennen hänge nicht von einem stillen Geist ab. Tolle und der Dalai Lama unterscheiden echte Stille von Dumpfheit, Müdigkeit oder Rauschmitteln.
“However they are not the goal of meditation. The goal of meditation is insight.”
Besondere Zustände und klare Begriffe sind nicht das Ankommen, und wer sie nicht hat, ist nicht gescheitert.
“It came as a flash and disappeared as such. That which has a beginning must also end.”
Weitere Worte und wer das sagt
Ramana sagt, ein Aufblitzen, das beginnt, müsse auch enden, und rät, die Lehre zuerst mit dem Verstand zu lernen und sie dann zu üben. Adyashanti sagt, im Westen verwechsle man Erleuchtung mit mystischen Erlebnissen, und warnt zugleich davor, ein echtes Sehen abzutun, weil Angst oder Ärger bleiben. Die Schule Dayanandas nennt die umgekehrte Gefahr, Erlebnissen nachzujagen statt zu verstehen.
“Learn it intellectually first, then do not stop with that. Practise it.”
Die Lehrenden sind uneins über Anstrengung; „es gibt nichts zu tun“ kann wahr sein und trotzdem ein wenig hilfreicher Rat.
“Don't make any effort. Don't practise, and keep quiet just for one second.”
Weitere Worte und wer das sagt
Papaji bittet, sich nicht anzustrengen, und Balsekar sagt, Anstrengung gehöre zum „Ich“; Ramana und Annamalai Swami sagen, Anstrengung sei nötig, bis sie mühelos wird. Auf die Frage, ob man einfach still bleiben solle, antwortete Ramana, wer das nicht könne, solle weiter forschen; Spira hält beide Ebenen zugleich. Wir stellen beides dar, ohne zu entscheiden.
“There is a state beyond our efforts or effortlessness. Until it is realised effort is necessary.”
Viele Lehrende sagen, das „Ich“ könne sich nicht selbst beseitigen, und sprechen von Gnade, Hingabe oder der Hilfe eines Lehrers.
“Just as the eye cannot see itself, so the ego is unable to end its own existence.”
Weitere Worte und wer das sagt
Meher Baba und Aurobindo sagen, das Ego könne sich nicht aus eigener Kraft beenden oder wandeln. Ramakrishna und Aurobindo verbinden Gnade mit Sehnsucht und Übung, nicht mit Untätigkeit; Ramana sagt, der Guru zeige nur den Weg; Spira und Lucille sagen, ein Freund oder Lehrer helfe sehr. Mehrere Lehrende der Hingabe verlangen ausdrücklich von niemandem, Glauben oder Lehrer zu wechseln.
“But this grace descends upon him only after he has prayed to God with intense yearning of heart and practised spiritual discipline.”
Spirituelle Praxis kann dazu dienen, Gefühlen und dem Leben auszuweichen; das ist eine Frage an sich selbst, nicht an andere.
“it's very easy to kind of skip over our psychological material where we're so conflicted”
Weitere Worte und wer das sagt
Adyashanti spricht davon, wie leicht man psychisches Material überspringt, und rät manchmal, bei dunklem Material zu bleiben, statt es zu transzendieren. Ayya Khema, die Achtsamkeitsübungen von Plum Village und die Vipassana-Tradition S. N. Goenkas sagen, Praxis sei keine Flucht. Auch die umgekehrte Fehlform wird benannt: ein echtes Erkennen abzutun, weil es noch wehtut.
“a process I saw happening in the Buddhist community I was in, and also in myself.”
Beruht auf Lehren von Adyashanti, Ayya Khema, Thich Nhat Hanh, Osho, Eckhart Tolle, S. N. Goenkas Vipassana (Kontext, nicht im Katalog), John Welwood (Kontext, nicht im Katalog), Jack Kornfield (Kontext, nicht im Katalog).
Schwierige Phasen werden häufig berichtet; ein Muster zu entdecken ist kein Scheitern, und innehalten oder um Hilfe bitten ist erlaubt.
“whenever you discover a dysfunctional, unconscious pattern in yourself, it doesn't mean you've failed; it means you're there.”
Weitere Worte und wer das sagt
Tolle spricht von einer dunklen Nacht, die einer Depression nahe sein kann, und sagt, ein entdecktes Muster sei kein Scheitern; Adyashanti beschreibt schwere Jahre; Spira rät, eine Körperpraxis abzubrechen, wenn man sich damit sehr schlecht fühlt. Forschung außerhalb der Lehren dokumentiert Angst, Schlaflosigkeit und Unwirklichkeitsgefühle bei Meditierenden.
“If you felt very bad as a result of trying this, I would stop immediately”
Die meisten Lehrenden sagen, ein Lehrer weise auf das, was schon im Innern ist, und die meisten hatten oder ehren einen äußeren Lehrer; sie unterscheiden sich darin, welches Gewicht sie einem lebenden Lehrer, der Lehre selbst und einer Gemeinschaft geben.
“The Guru is both exterior and interior. From the exterior he gives a push to the mind to turn inward; from the interior he pulls the mind towards the Self and helps the mind to achieve quietness.”
Weitere Worte und wer das sagt
Ramana nennt den Guru äußerlich und innerlich zugleich; Nisargadatta vergleicht den äußeren Lehrer mit einem Meilenstein und nennt das eigene Selbst den eigentlichen Lehrer. Papaji sagt, das Wort eines wahren Gurus gehe ins Herz des Hörenden ein, und Vivekananda, der Anstoß könne nicht aus Büchern kommen; Krishnamurti will keine Anhänger, und Adyashanti bittet darum, nicht die ganze eigene Verantwortung an einen Lehrer abzugeben, auch wo Hingabe da ist. Im Pali-Kanon nennt der Buddha die Lehre eine Zuflucht und gute Freunde das ganze spirituelle Leben.
“While there may be deep respect, love, and even devotion to one’s spiritual teacher, it is important not to abdicate all of your authority over to your spiritual teacher or project all divinity exclusively onto them.”
Die Lehrenden sehen formale Praxis verschieden: Manche nennen sie notwendig, andere eine Hilfe, und mehrere sagen, Meditation sei nicht auf feste Zeiten beschränkt, sondern die eigene Natur oder Gewahrsein im Alltag.
“Meditation is your true nature now. You call it meditation, because there are other thoughts distracting you.”
Weitere Worte und wer das sagt
Vivekananda nennt Übung unbedingt notwendig, und das Vivekachudamani (Shankara zugeschrieben) stellt Meditation weit über Hören und Nachdenken. Nisargadatta sagt, eine ausfüllende Routine tue unruhigen Anfängern gut, und die wirkliche Übung sei mühelos. Einem Besucher, dem die Arbeit keine Zeit für eigene Meditation ließ, sagte Ramana, wiederholte Übung stärke den Geist, und Meditation sei schon jetzt die eigene wahre Natur. Adyashanti nennt richtig ausgeübte Meditation einen Ausdruck der Wirklichkeit, keinen Weg zu ihr; Krishnamurti sagt, wer ganz gewahr sei, meditiere; und Tolle schlägt vor, gewöhnlichen Tätigkeiten die volle Aufmerksamkeit zu geben.
“Practice is absolutely necessary. You may sit down and listen to me by the hour every day, but if you do not practice, you will not get one step further. It all depends on practice.”
Viele Lehrende sagen, Erkennen verlange nicht, Arbeit, Familie oder das gewöhnliche Leben zu verlassen, weil das Bindende im Geist liegt und nicht in der Umgebung; manche fügen hinzu, äußere Veränderungen kämen, wo sie kommen, von selbst. Einige Traditionen, etwa der Pali-Kanon, sehen das Leben in der Hauslosigkeit als den volleren Weg.
“There is no help in the change of environment. The obstacle is the mind. It must be got over whether at home or in the forest. If you can do it in the forest, why not in the home? Therefore why change the environment?”
Weitere Worte und wer das sagt
Auf die Frage, wie es einem Hausvater ergehe, sagte Ramana, wer in den Wald gehe, wechsle nur die Umgebung, denn das Hindernis sei der Geist; einem anderen Fragenden sagte er, er solle sich weder ums Arbeiten bemühen noch darum, die Arbeit aufzugeben. Nisargadatta, gefragt, ob man seinen Beruf aufgeben müsse, sagte dem Fragenden, er solle seine Arbeit tun und in freien Momenten nach innen schauen; Anhaftungen lägen im Geist, und wer sich selbst kenne, dem komme alles andere damit. Meister Eckhart, gefragt, ob am besten tue, wer sich von allem Umgang zurückzieht, sagte nein: Wer Gott habe, habe ihn auf der Straße und unter den Leuten so gut wie in der Zelle. Ramakrishna sagt, wer in der Welt lebt, solle ihr nur im Geist entsagen, der Mönch innerlich und äußerlich; Vivekananda sagt, jeder sei an seinem Platz groß, und Adyashanti nennt das ganze eigene Leben den Weg zum Erwachen. Im Pali-Kanon denkt, wer die Lehre gehört hat, das Leben im Haus sei eng und das Leben in der Hauslosigkeit weit offen; das Vivekachudamani (Shankara zugeschrieben) überträgt das Abziehen des Geistes von den Sinnesobjekten Weisen, die allen Pflichten entsagt haben.
“Life at home is cramped and dirty, life gone forth is wide open. It’s not easy for someone living at home to lead the spiritual life utterly full and pure, like a polished shell.”
Beides zusammen. Rupert Spira nennt Methoden ein Zugeständnis an das getrennte Selbst. Auf die Frage, ob man einfach still bleiben könne, antwortete Ramana, wer das nicht könne, solle weiter forschen.
Erkenntnis oder Erfahrung?
Erkennen ist klares Wissen, das Unwissen aufhebt, kein mystisches Erlebnis.
Beides zusammen. Der Dalai Lama behält das alltägliche „Ich“ und verneint nur ein unabhängiges. Wir zeigen diese Sichtweisen nebeneinander und verschmelzen sie nicht.
Plötzlich oder allmählich?
Erkennen geschieht in einem Moment, schon in einer Sekunde Stille.
Beides zusammen. Adyashanti beschreibt ein plötzliches Durchdringen, dem eine allmähliche Verkörperung folgt. Spätere Chan-Lehrer sprachen von plötzlichem Erwachen und allmählicher Pflege.
Befreiung oder Wandlung?
Befreiung ist das Ziel; im natürlichen Zustand bleibt nichts mehr zu tun, oder es gibt nichts zu wandeln.
Beides zusammen. Ramakrishna spricht von denen, die aus dem Samadhi zurückkehren und die Welt als Brahman sehen; Spira von einer Neuausrichtung von Geist, Körper und Welt; Lucille von einer Praxis nach dem Erkennen.
Die Sätze in großer Schrift sind unsere. Sie fassen zusammen, was mehrere Lehrende sagen, und nennen, auf wessen Lehren sie beruhen. Kursiv stehen die eigenen Worte der Lehrenden, kurz zitiert und mit Quelle.
Erkennen und Verkörpern sind zwei Blickrichtungen auf einen Weg, keine Stufen. Nichts hier misst den Fortschritt eines Menschen oder ordnet Lehrende nach Rang.
Selbst, Gewahrsein, Gott und Nicht-Selbst sind nicht dieselbe Idee in anderen Worten. Wo eine Tradition es anders sieht, sagen wir das.